Sport als Therapieoption bei Fatigue

Interview mit Dr. med. Oliver Marschal

Dr. Marschal ist Facharzt für Innere Medizin, Schwerpunkt Onkologie, Ernährungsmedizin und Palliativmedizin und mit einer Onkologischen Schwerpunktpraxis in Braunschweig ansässig. Dort hat er auch ein Angebot zur Onkologischen Trainingstherapie (OTT) in Kooperation mit dem Injoy Braunschweig ins Leben gerufen. Das Programm wurde mit dem Förderpreis der Niedersächsischen Krebsgesellschaft 2018 ausgezeichnet.

was-essen-bei-krebs.de (webk): Lieber Dr. Marschal, Fatigue bzw. das chronische Müdigkeitssyndrom betrifft viele Patienten während oder nach einer onkologischen Strahlen- oder Chemotherapie. Was kann man mit Bewegung dagegen tun?

Dr. med. Oliver Marschal: In früheren Zeiten erhielten die Patienten den Ratschlag, sich der Müdigkeit und Abgeschlagenheit hinzugeben, da eine zusätzliche Belastung den Verlauf des Müdigkeitssyndroms negativ beeinflussen würde.
Heute weiß man aber aus vielen Studien, dass gerade Sport und körperliche Aktivität die effektivsten nicht-medikamentösen Behandlungsformen bei Fatigue sind. Die bisherige Schonungsstrategie wird also heute verlassen und den Betroffenen wird ein strukturiertes Sportprogramm zur Linderung der Beschwerden empfohlen.

webk: Was können Patienten mit so einem Sportprogramm erreichen?

Marschal: Ein abwechslungsreiches Sportprogramm regt den Muskelaufbau an und verbessert die Ausdauerleistung und die Koordination von Bewegung. Auch die depressiven Elemente, die bei jeder Form des chronischen Müdigkeitssyndroms zu finden sind, werden durch die körperliche Stabilisierung und Stimulation gelindert.
Das verbessert aber nicht nur das Allgemeinbefinden und die Leistungsfähigkeit im Alltag, sondern stößt im Körper einige weitere positive Prozesse an:
So werden aus dem Muskelgewebe durch die Aktivität Botenstoffe (Interleukin-6) ausgeschüttet, die über einige Zwischenschritte im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren (Interleukin 10, TNF-alpha) anti-entzündlich wirken.
Und neurologisch zeigen sich (bisher aber nur im Tierversuch genauer betrachtet) trainingsbedingte Veränderungen an den Botenstoffen, die Wachstum und Differenzierung von Nervenstammzellen anregen. Das sympathische Nervensystem wird dadurch in seiner Funktion aktiviert und Reparaturvorgänge werden in Gang gesetzt.

webk: Wann sollten die Patienten mit einem strukturierten Bewegungsprogramm starten?

Marschal: Hier gilt je früher, desto besser. Ideal wäre es, wenn eine begleitete Trainings- und Bewegungstherapie bereits vor bzw. zeitgleich mit der Therapie der onkologischen Erkrankung startet. Die Aufnahme eines Bewegungsprogramms ist aber zu jedem Zeitpunkt sinnvoll – auch nach der Therapie.

webk: Welche Art der Bewegung ist am besten geeignet?

Marschal: Eine für alle Betroffene geltende Empfehlung zu Training und Bewegung gibt es bislang nicht. Wichtig ist aber auf jeden Fall eine Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining, die auf die jeweilige Situation und die körperlichen Möglichkeiten des Patienten abgestimmt sind. Die Belastung sollte dabei leicht bis mittel sein, die Art der Bewegung ist eher zweitrangig.

Die besten Effekte erzielt man, wenn man unter professioneller Anleitung trainiert. An einigen Kliniken gibt es deshalb bewegungstherapeutische Angebote. Ein besonderes Programm, die Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie (OTT), wurde am Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) in Köln unter der Leitung von Prof. Dr. Freerk Baumann entwickelt. Es gibt deutschlandweit speziell ausgebildete Therapeuten, die diese OTT anbieten. (zur OTT Therapeutensuche)

webk: Was raten Sie Patienten, die keine „Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie“ Angebote in ihrer Nähe haben?

Bevor Patienten mit einem Sportprogramm beginnen – ob unter Anleitung oder nicht- sollten sie grundsätzlich mit ihrem behandelnden Arzt abklären, ob medizinisch nichts dagegen spricht, oder ob sie bestimmte Dinge beachten müssen.

Eine gute Alternative zur professionellen OTT sind Krebssportgruppen, die es in zahlreichen Orten gibt – meist angeboten von lokalen Sportvereinen. Der Krebsinformationsdienst bietet dazu ausführliche Informationen und Adressen (zum Krebsinformationsdienst).

Und grundsätzlich ist natürlich auch jede Bewegung, die Sie auf eigene Faust durchführen eine gute Sache. Wählen Sie dabei Aktivitäten, die Ihnen Spaß machen und die Sie nicht überfordern. Gute Hinweise dazu bietet der Blaue Ratgeber „Sport bei Krebs“ der Deutschen Krebshilfe (zum Ratgeber als Pdf

Die Broschüre „Sport, Bewegung und Krebs“ des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen Heidelberg gibt ebenfalls gute Anregungen und stellt auch konkrete Übungen vor (zur  Broschüre als Pdf).

Weitere Informationen:

Bower JE et al, (2002) Fatigue an proinflammatory cytokine activity in breast cancer survivors.  Psychosmomatic medicine 64(4):604-11

Cella D et al 2001 Cancer related fatigue: Prevalance of proposed diagnostic criteria in a United States sample of cancer survivors. J clin Oncol 18:743-753

Romero SAD et al. The association between fatigue and pain symptoms and decreased physical activity after cancer. Support Care Cancer 2018:26(10); 3423-30

Steindorf et al. Sport und Bewegung mit und nach Krebs – wer profitiert, was ist gesichert? TumorDiagn u Ther 2018; 143: 301-306

Steindorf et al. Lebensqualität, Fatigue und Schlafprobleme bei Pankreaskarzinompatienten – Eine randomisierte Studie zu den Effekten von Krafttraining. Dtsch Arztebl Int 2019; 116:471-8

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