Bewegung hilft bei Polyneuropathie

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Interview mit Christian Bitzer, M.A. Sportwissenschaft

Über die Ernährung kann man eine Polyneuropathie leider nicht beeinflussen (lediglich auf Alkohol sollten Sie möglichst verzichten). Deshalb haben wir mit jemandem gesprochen, der viel Erfahrung in der Behandlung von Polyneuropathie mit Bewegung hat.

Christian Bitzer ist Sportwissenschaftler und Sporttherapeut (DVGS). Er forschte an der Universitätsklinik Freiburg zu Polyneuropathie und führt seit Jahren seine eigene Praxis in Albstadt und Tübingen, in der er mit verschiedenen neurologischen Erkrankungen und mit Krebspatienten arbeitet. Er ist einer der wenigen Experten für die Bewegungstherapie bei Polyneuropathie.

was-essen-bei-krebs.de: Lieber Herr Bitzer, können Sie uns zu Beginn kurz erklären, was man unter Polyneuropathie versteht?

Christian Bitzer: Polyneuropathie kommt bei Krebspatienten häufig als Nebenwirkung bestimmter Chemotherapien vor. Man spricht dann auch von Chemotherapie-induzierter Polyneuropathie. Polyneuropathie ist eigentlich nichts anderes als Schäden in den Nerven. Diese Schäden stören die Verbindung zwischen dem Gehirn und den Extremitäten. Dadurch kommt es zu Schmerzen und Taubheit, Kribbeln und Missempfindungen. Je länger die Nerven sind, desto mehr werden sie beeinträchtigt, deshalb macht sich die Polyneuropathie zuerst in den Zehenspitzen bemerkbar und Füße und Hände sind besonders betroffen. Deshalb heißt sie präziser ausgedrückt auch periphere Polyneuropathie. Im Alltag kann das unter anderem zu Schwierigkeiten beim Gehen, zu Gleichgewichtsproblemen und zu einem erhöhten Sturzrisiko führen.

Man hört immer, gegen Polyneuropathie gibt es kein wirksames Medikament. Gibt es trotzdem etwas, das Betroffene tun können?

Das stimmt leider. Gegen Polyneuropathie gibt es noch kein Medikament, das weit genug erforscht ist, um standardmäßig verwendet zu werden. Doch Medikamente sind zum Glück nicht das einzige, was gegen Krankheiten helfen kann. Auch Bewegung ist bei bestimmten Beschwerden heilsam. So zeigen Studien, dass bei Nervenschäden gezielte Bewegung die beste Behandlungsmethode ist: die Taubheit in Händen und Füßen wird verringert, Gangunsicherheit und Sturzrisiko werden sichtbar, fühlbar und messbar reduziert.

Der Vorteil dabei ist, dass die richtige Bewegung im Gegensatz zu Medikamenten keine negativen Nebenwirkungen hat, sondern meistens noch weitere positive Effekte mit sich bringt: mehr Fitness, bessere Herzfunktion und mehr Wohlbefinden. Im Alltag heißt das: Man fühlt sich sicherer. Man traut sich mehr raus. Man ist fitter und hat mehr Energie. Und man fühlt sich gut, weil man selber etwas für sich tun kann – und hat auch noch Spaß dabei.

Wie können Bewegungsübungen überhaupt etwas bringen, wenn die Nerven kaputt sind?

Nehmen wir das Beispiel Gleichgewicht. Leider wissen die meisten nicht: Unser Gleichgewicht und unsere Sicherheit beim Gehen hängen nicht nur davon ab, was in den Füßen passiert bzw. welche Signale die Nerven aus den Füßen senden.. Es hängt genauso stark davon ab, wie gut das Gehirn diese Meldungen verarbeiten kann. Und genau diese wichtige Fähigkeit ist sehr gut und überraschend schnell trainierbar.

Was heißt das?

Das bedeutet: Wir selbst können unser Gehirn darin trainieren, aus weniger Signalen von den Nerven in Beinen und Händen eine bessere Bewegungssteuerung zu machen. Wir trainieren das Gehirn, aus weniger mehr zu machen.

Lindert die richtige Bewegung auch die Schmerzen?

Studienergebnisse zeigen: Es scheint tatsächlich so, dass durch das Training und die dadurch erzeugten Anpassungen im Gehirn auch die Schmerzen nachlassen und die Missempfindungen sich reduzieren. Am allerbesten scheint es zu sein, wenn Chemotherapie-Patienten bereits trainieren, bevor sich die ersten Symptome zeigen. Teilweise treten die Symptome dann auch gar nicht auf.

Muss man dafür viel trainieren? Ist das Training anstrengend?

Nein, ganz im Gegenteil! Und das hat einen einfachen Grund: Unser Gehirn ist bekanntermaßen das anpassungsfähigste Organ im menschlichen Körper. Wenn wir es richtig trainieren, dann können wir innerhalb kürzester Zeit große Trainingserfolge erzielen. Einen Muskel müssen wir wochenlang trainieren, bis wir einen sichtbaren Effekt erkennen können. Und wir müssen uns sehr schweißtreibend dabei anstrengen, wie wir das vom Sport oder vom Fitness-Studio her nur allzu gut kennen.

Beim Gehirn ist das anders?

Da ist es komplett anders. Das überrascht die meisten. Meine Polyneuropathie-Patientinnen und -Patienten wundern sich oft schon nach einer halben Stunde Bewegungstherapie über die sichtbaren und spürbaren Fortschritte. Und viele Patienten muss ich sogar immer wieder bremsen, damit sie auch mal Paus machen. Denn es handelt sich hier um lernen, nicht um Fitnesstraining und das funktioniert besser, wenn man körperlich nicht angestrengt ist. Deshalb ist die Bewegungstherapie so wirksam. Das Gehirn lernt extrem schnell – wenn man es richtig trainiert. Dabei fühlt man sich nicht nur subjektiv sicherer und . Die individuellen Fortschritte sind auch objektiv messbar mit Hilfe von geeigneten Tests, die ebenfalls zur Bewegungstherapie gehören. Damit können wir die Fortschritte schwarz auf weiß sichtbar machen. Wenn man sieht, wie schnell und weit man sich verbessert hat – das motiviert zusätzlich.

Das klingt vielversprechend. Wie läuft so eine Bewegungstherapie ab?

Das wichtigste ist, den richtigen Schwierigkeitsgrad für die Übungen herauszufinden. Dazu lasse ich mir die Krankheitsgeschichte ausführlich erzählen und mache dann Gleichgewichtstests. Diese sind aber eigentlich ganz einfach: man probiert Haltungen und Bewegungen aus, die sehr einfach anfangen und langsam schwieriger werden, bis man den Schwierigkeitsgrad gefunden hat, den der Patient gerade noch schafft. Und diese übt man dann. Der Trick ist wirklich, den richtigen Schwierigkeitsgrad zu finden. Sind die Übungen zu einfach nutzen sie nichts, sind sie zu schwer überlasten Sie den Patienten. Und das schöne ist: auch für sehr schwache Patienten findet man machbare Übungen, die man als Patient dann auch selbstständig durchführen kann, wenn kein Therapeut dabei ist. Zum selbstständigen Üben sollte man aber immer etwas zum Festhalten haben, auf absolut keinen Fall sollte man riskieren, bei diesen Übungen zu stürzen und sich zu verletzen.

Darf denn jeder immer üben?

Fast. Es gibt einige Gründe, nichts zu tun. Zum Beispiel in den ersten 24 Stunden nachdem man eine Chemotherapie bekommen hat sollte man das Training ruhen lassen. Auch wenn man an Schwindel oder Fieber leidet, oder sehr niedrige Blutplättchen hat muss man warten, bevor das Training weitergehen kann. Die meisten Patienten würden das in diesen Momenten aber ohnehin tun. Ein Gespräch mit Arzt oder Ärztin über das Training ist natürlich auch empfehlenswert.

Was empfehlen Sie Patienten, die keinen Therapeuten vor Ort finden?

Leider gibt es bisher nur wenige Therapeuten, die sich mit dem Thema auskennen. Wer Glück hat findet Angebote an der eigenen Klinik. Häufig kennen Fachärzte oder Pflegekräfte auch spezialisierte Therapeuten.
Weil es aber oft schwierig ist vor Ort einen Therapeuten zu finden, biete ich inzwischen telefonische Beratung an und erstelle auch Übungspläne für zu Hause.

Für die Gleichgewichtsübungen habe ich auch Beispiel-Videos erstellt. Diese lassen sich, wenn man ein paar Vorsichtsmaßnahmen beachtet, auch sicher und selbstständig zu Hause durchführen. Sie finden die Übungen hier: zu den Übungen.

Diese Bewegungen helfen übrigens nicht nur bei Polyneuropathie. Ein solches Training wird inzwischen von Leistungssportlern in allen Bereichen eingesetzt, aber auch Altersheime nutzen sie zur Sturzprophylaxe. Man kann also sagen: JEDER profitiert davon.

Studien zeigen außerdem: Je mehr und je gesünder man sich bewegt, desto größer sind auch Lebensqualität und Überlebenschancen bei Krebs. Die Lebensqualität ist auch deshalb größer, weil die richtige Bewegung alle möglichen Nebenwirkungen der Krebs-Erkrankung und -Therapie lindert. Krebspatienten fühlen sich mit dem richtigen Bewegungsprogramm nicht mehr so schwach. Sie fühlen sich stärker und sie werden auch objektiv stärker.

Wird so eine Sporttherapie eigentlich von den Krankenkassen bezahlt?

Da empfehle ich jedem, bei der eigenen Krankenkasse nachzufragen, oder sich beim Arzt zu erkundigen. Bei mir persönlich erhalten zumindest privat Versicherte die Kosten in aller Regel von der Krankenkasse erstattet. Wer das Glück hat, einen spezialisierten Physiotherapeuten in der Nähe zu haben, kann mit dem Arzt darüber sprechen, ob eine Physiotherapie verschrieben wird. 

Kontaktadresse für weitere Informationen:

Bitzer-Sporttherapie.de
bitzer.sporttherapie@gmail.com

Weiterführende Links zu Polyneuropathie:

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