Das Wichtigste in Kürze
Sie dürfen Zucker essen – auch wenn Sie Krebs haben. Zucker beeinflusst einen Tumor nicht, und ein Verzicht darauf hungert ihn nicht aus. Ihr Körper braucht immer Glukose (Traubenzucker). Ihr Gehirn, Ihre roten Blutkörperchen und Ihr Immunsystem können ohne sie nicht arbeiten. Wenn Ihnen das Essen gerade schwer fällt, können zuckerhaltige Lebensmittel helfen, ausreichend Energie aufzunehmen. Ab jetzt gilt: Es gibt keine Verbote.
Darf ich bei Krebs Zucker essen?
Ja. Sie dürfen Zucker essen: vor, während und nach einer Krebserkrankung. Es gibt kein Lebensmittel, das einen Tumor wachsen oder schrumpfen lässt – auch Zucker nicht.
Diese Antwort überrascht viele. Denn im Internet, in vielen Medien, in Krebsratgebern, im Bekanntenkreis und manchmal sogar von ärztlicher Seite hört man hartnäckig, Zucker sei bei Krebs gefährlich. Woher diese Idee kommt und was an ihr dran ist, erklären wir weiter unten im Abschnitt Mythen im Faktencheck.
Ein Teil der Verunsicherung entsteht dadurch, dass zwei völlig verschiedene Dinge vermischt werden: Empfehlungen zur Krebsvorbeugung und Empfehlungen für Menschen, die bereits an Krebs erkrankt sind. In der Prävention gilt: Zuckerreiche Lebensmittel sollten maßvoll verzehrt werden, um Übergewicht zu vermeiden – ein Faktor, der das Risiko für verschiedene Erkrankungen – darunter auch einige Krebsarten – erhöhen kann. Das bedeutet aber nicht, dass Zucker einen Tumor direkt wachsen lässt oder dass ein Verzicht darauf bei einer bestehenden Krebserkrankung hilft.
Während einer Krebserkrankung und ihrer Behandlung ist es besonders wichtig, dass Ihr Körper genügend Energie, Nährstoffe und Kraft erhält. Energie also Kalorien zu sparen ist das Letzte, was Ihnen jetzt hilft – und kann bei einem Gewichtsverlust sogar gefährlich sein. Deshalb kann für Sie gerade genau das richtig sein, was allgemein als „ungesund“ gilt. Jetzt gilt, was ihr Körper gerade braucht und verträgt, ist gesund.
Aber auch wenn Sie keine Schwierigkeiten beim Essen haben und Ihr Gewicht stabil ist, müssen Sie nicht auf Zucker verzichten. Süßigkeiten und andere zuckerhaltige Lebensmittel dürfen Teil einer ausgewogenen Ernährung sein. Strenge Verbote und der Versuch, alles richtig zu machen, können zusätzlichen Stress und ein schlechtes Gewissen verursachen – ohne dass ein Zuckerverzicht einen nachgewiesenen Nutzen hätte. Und gerade in einer belastenden Zeit sollte Essen auch etwas sein dürfen, das Ihnen Freude macht und gut tut.
Aber erhöht Zucker nicht das Krebsrisiko?
Wichtig zu wissen: Empfehlungen zur Krebsprävention beziehen sich auf das Risiko, überhaupt an Krebs zu erkranken. Dabei geht es um langfristige Gewohnheiten, oft über viele Jahre oder Jahrzehnte. Auf einen bestehenden Tumor haben diese Faktoren keinen Einfluss.
Diese Sorge hängt mit den Empfehlungen zur Krebsvorbeugung zusammen. Der World Cancer Research Fund (WCRF) empfiehlt, zuckerhaltige Getränke möglichst zu vermeiden und den Verzehr zuckerreicher Lebensmittel zu begrenzen. Aber warum eigentlich?
Ein wichtiger Grund ist die Energiebilanz: Solche Lebensmittel und Getränke können dazu beitragen, dass wir mehr Energie (Kalorien) aufnehmen, als unser Körper verbraucht. Langfristig kann das zu einer Gewichtszunahme führen. Übergewicht wiederum erhöht das Risiko für verschiedene Krebsarten.
Außerdem liefern zuckerreiche Lebensmittel häufig viel Energie, aber vergleichsweise wenige wichtige Nährstoffe. Wer sehr viel davon isst, nimmt möglicherweise weniger Lebensmittel wie Gemüse, Obst oder Vollkornprodukte zu sich, die zur Senkung des Krebsrisikos beitragen können.
Zucker an sich ist also nicht krebserregend. Entscheidend ist vielmehr die Ernährung insgesamt. Süßigkeiten und andere zuckerhaltige Lebensmittel dürfen auch bei der Krebsvorbeugung ihren Platz haben.
Wenn Sie Krebs haben gelten für sie sowieso andere Ernährungsempfehlungen als in der Prävention. Wie wir uns langfristig ernähren, kann sich auf die Entstehung von manchen Krebsarten auswirken. Doch sobald eine Tumorerkrankung besteht, können Sie mit der Wahl bestimmter Lebensmittel oder gar dem Verzicht auf ganze Nahrungsmittelgruppen keinen direkten Einfluss auf das Tumorwachstum nehmen. Was Sie essen, lässt den Tumor weder wachsen noch schrumpfen! Es gilt jetzt: Was Ihr Körper gerade braucht und verträgt ist “gesund”!
Mehr dazu auf unserer Seite Krebsprävention vs. Ernährung bei Krebs.
Wozu Ihr Körper Zucker braucht
Zucker ist der Treibstoff Ihres Körpers. Genauer gesagt: Glukose, auch Traubenzucker genannt.
Fast jede Zelle in Ihrem Körper gewinnt daraus Energie. Und Energie braucht Ihr Körper ständig: damit das Herz schlägt, Sie atmen, Ihr Gehirn arbeitet, Sie Ihre Körpertemperatur halten und sich Zellen erneuern und reparieren können. Auch Ihr Immunsystem und Ihre Muskeln benötigen Energie.
Einige Zellen sind sogar zwingend auf Glukose angewiesen und können gar nichts anderes verwerten: Ihre roten Blutkörperchen, Teile Ihres Immunsystems und große Bereiche Ihres Gehirns.
Glukose ist für unseren Körper lebenswichtig. Deshalb kann er sie bei Bedarf sogar selbst herstellen – beispielsweise aus Eiweiß. So hält der Körper den Blutzuckerspiegel auch bei einem vollständigen Verzicht auf Kohlenhydrate aufrecht.
Zucker und Kohlenhydrate – was ist der Unterschied?
Alle Kohlenhydrate bestehen aus Zuckerbausteinen. Stellen Sie sich diese wie Perlen vor:
- Einfachzucker bestehen aus einer einzelnen Perle, zum Beispiel Glukose (Traubenzucker) oder Fruktose (Fruchtzucker).
- Zweifachzucker bestehen aus zwei miteinander verbundenen Perlen. Haushaltszucker besteht beispielsweise aus Glukose und Fruktose. Milchzucker besteht aus Glukose und Galaktose.
- Mehrfachzucker bestehen aus vielen miteinander verbundenen Zuckerbausteinen. Die Stärke in Brot, Kartoffeln, Reis und Nudeln besteht beispielsweise aus langen Ketten von Glukosebausteinen.
Auch Ballaststoffe gehören zu den Kohlenhydraten. Sie bestehen ebenfalls aus Zuckerketten. Anders als Stärke können unsere Verdauungsenzyme sie aber nicht zerlegen. Manche Ballaststoffe werden stattdessen von Darmbakterien teilweise abgebaut.
Bei der Verdauung werden die verdaulichen Kohlenhydrate in einzelne Zuckerbausteine zerlegt und über den Darm aufgenommen. Dazu gehören Glukose, Fruktose und Galaktose.
Die Stärke aus einer Kartoffel oder einem Vollkornbrot liefert dabei dieselbe Glukose wie ein Bonbon oder ein Stück Kuchen. Der Körper kann nicht erkennen, aus welchem Lebensmittel ein Glukosemolekül ursprünglich stammt.
Wie schnell die Zuckerbausteine aus einem Lebensmittel ins Blut gelangen, ist allerdings unterschiedlich. Dabei spielt nicht nur die Länge der Zuckerketten eine Rolle.
Gibt es gute und schlechte Kohlenhydrate?
Einfache Kohlenhydrate werden häufig als „schlecht“ dargestellt, komplexe Kohlenhydrate dagegen als „gut“. Doch diese Einteilung ist zu einfach und wenig hilfreich.
- Schnell verfügbare Kohlenhydrate liefern beispielsweise Süßigkeiten, zuckerhaltige Getränke, Weißbrot oder Kartoffelpüree. Ihre Zuckerbausteine können schnell aufgenommen werden und dem Körper rasch Energie liefern.
- Langsamer verfügbare Kohlenhydrate stecken häufig in Hülsenfrüchten, ganzen Getreidekörnern und wenig verarbeiteten Vollkornprodukten. Sie werden langsamer verdaut. Dadurch gelangt die Glukose nach und nach ins Blut und kann über einen längeren Zeitraum Energie bereitstellen. Häufig halten diese Lebensmittel auch länger satt.
Was ist nun besser? Das hängt von Ihrer Situation ab.
Wenn Sie gut essen und verdauen können, sind komplexe Kohlenhydrate und ballaststoffreiche Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und Obst langfristig eine gute Wahl. Sie liefern neben Energie viele wertvolle Nährstoffe.
Schnell verfügbare oder leicht verdauliche Kohlenhydrate können dagegen besonders hilfreich sein, wenn Sie wenig Appetit haben, schnell satt werden, Verdauungsbeschwerden haben oder rasch Energie benötigen – beispielsweise bei körperlicher Anstrengung.
Nutzen Sie mit Freude die ganze Bandbreite kohlenhydratreicher Lebensmitteln – je nach aktuellem Bedarf, Verträglichkeit und Appetit. Auch der Genuss sollte nicht zu kurz kommen!
Warum Zucker während der Therapie sogar hilfreich sein kann
Viele Menschen mit Krebs haben nicht das Problem, zu viel zu essen, sondern zu wenig. Appetitlosigkeit, Übelkeit, ein veränderter Geschmack, wunde Schleimhäute, schnelle Sättigung — all das macht Essen oft zur Herausforderung. Wer dann zusätzlich Zucker und einfach Kohlenhydrate meidet, streicht ausgerechnet die Lebensmittel, die schnell viel Energie (Kalorien) liefern können.
Dabei gilt in dieser Phase: Jeder Bissen zählt.
Ein Milchshake, ein Grießbrei, ein Pudding oder ein gezuckerter Tee können an einem schlechten Tag mehr für Sie tun als ein Vollkornbrot, das liegen bleibt.
Dazu kommt noch etwas, das sich nicht in Kalorien messen lässt: Ein Stück Kuchen mit lieben Menschen am Nachmittag oder ein Besuch in der Eisdiele ist mehr als Zucker und Fett, mehr als reine Nahrungsaufnahme. Es ist ein Stück Normalität. Essen ist Genuss, Trost und Gemeinschaft. Schaffen Sie sich Momente, die Ihnen guttun!
Worauf es stattdessen ankommt
Wenn Sie Ihre Kraft für ein Ernährungsthema einsetzen möchten, bringen Ihnen die folgenden drei Punkte mehr als ein Zuckerverzicht:
- Ihr Gewicht halten. Ungewollter Gewichtsverlust und der Abbau von Muskulatur verschlechtern nachweislich, wie gut Sie Therapien vertragen. Wie Sie gegensteuern, lesen Sie im Artikel Was essen bei Gewichtsverlust / Mangelernährung.
- Genug Eiweiß essen. Krebsbetroffene brauchen mehr Eiweiß als Gesunde. Alles, was Sie dazu wissen müssen, finden Sie auf unserer Seite Proteine (Eiweiß) bei Krebs.
- Beschwerden gezielt lindern. Gegen Übelkeit, Durchfall oder Geschmacksveränderungen lässt sich mit dem richtigen Essen oft viel erreichen. Eine Übersicht finden Sie oben unter dem Navigationspunkt „Beschwerden lindern“.
Und wenn Sie unsicher sind, was in Ihrer Situation richtig ist oder Sie allein nicht weiterkommen: Eine qualifizierte Ernährungsberatung hilft und begleitet Sie ganz individuell.
Was gilt für mich gerade?
Ich verliere ungewollt Gewicht
Ich verliere ungewollt Gewicht
Ich nehme ungewollt zu
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Mein Gewicht ist stabil
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Tipp: Möchten Sie wissen, wie gut Sie aktuell mit Energie und Nährstoffen versorgt sind? Unser digitaler Ernährungsbegleiter hilft Ihnen mit einer kostenlosen Einschätzung und passenden Empfehlungen.
Mythen im Faktencheck
Die folgenden Aussagen begegnen Ihnen im Internet, in Ratgebern und manchmal im Gespräch. Hinter jeder steckt eine Beobachtung, die falsch interpretiert wurde. Wir erklären Ihnen die Zusammenhänge, damit Sie durch diese Aussagendadurch nicht mehr verunsichert werden.
„Zucker füttert den Krebs"
Woher der Mythos kommt: Vor rund hundert Jahren beobachtete der deutsche Forscher Otto Warburg etwas Auffälliges: Krebszellen verbrauchen besonders viel Glukose (Traubenzucker) und verarbeiten sie anders als die meisten gesunden Körperzellen. Diese Beobachtung war richtig. Was spätere Leser daraus gemacht haben, nicht.
Was daran stimmt: Viele Krebszellen verbrauchen tatsächlich mehr Zucker als gesunde Zellen. Das liegt daran, wie sie mit ihm umgehen.
Gesunde Zellen können Glukose mithilfe von Sauerstoff vollständig abbauen und dabei viel Energie gewinnen. Fehlt Sauerstoff, nutzen sie einen weniger ergiebigen Weg, die sogenannte Milchsäuregärung.
Viele Krebszellen nutzen verstärkt diesen Weg der Vergärung, obwohl ausreichend Sauerstoff vorhanden ist. Das geht schnell, aber dabei gewinnen sie aus jedem Glukosemolekül nur einen Bruchteil der Energie. Also brauchen sie sehr viel mehr davon.
Warum sie das tun, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Vermutet wird, dass es weniger um Energie geht als um Baumaterial: Wer sich ständig teilt, braucht Bausteine für neue Zellen, und die fallen bei diesem Weg nebenbei an.
Diesen Vorgang nennt man nach seinem Entdecker den Warburg-Effekt. Warburg selbst hielt ihn für die Ursache von Krebs — für den ersten Schritt, aus dem die Erkrankung entsteht. Heute weiß man, dass es umgekehrt ist: Der veränderte Stoffwechsel ist eine Folge der Entartung, nicht ihr Auslöser.
Zur Ernährung hat Warburg sich dabei nie geäußert. Die Idee, man könne einen Tumor über das Essen aushungern, ist erst viel später entstanden — als jemand aus „Krebszellen brauchen viel Zucker“ den naheliegenden, aber falschen Schluss zog: „also nehmen wir ihnen den Zucker weg.“
Warum die Schlussfolgerung “Zucker füttert den Krebs” trotzdem nicht richtig ist: Aus „Tumorzellen verbrauchen viel Zucker“ folgt nicht „weniger Zucker essen bremst den Tumor“. Ihr Blutzuckerspiegel wird von Ihrem Körper in engen Grenzen konstant gehalten — unabhängig davon, ob Sie gerade Kuchen gegessen haben oder seit zwölf Stunden nichts. Die Tumorzellen bedienen sich aus diesem Vorrat, und sie tun das als erste. Stellen Sie sich die Tumorzellen vor wie ungebetene Gäste am Buffet: Sie nehmen sich, was sie wollen, auch wenn Sie weniger auftischen. Wer weniger aufträgt, bringt nur die anderen Gäste um ihr Essen.
Für Sie heißt das: Sie können den Zuckergehalt Ihres Blutes durch Ihre Ernährung nicht so weit senken, dass Sie dem Tumor den Treibstoff entziehen. Sie können sich damit nur selbst schwächen.
„Man kann einen Tumor aushungern"
Was daran stimmt: In Zellkulturen und im Tierversuch lässt sich das Wachstum von Tumorzellen tatsächlich manchmal verlangsamen, wenn man ihnen Nährstoffe entzieht. Diese Beobachtung hat die Idee des Tumor-Aushungerns populär gemacht.
Warum die Schlussfolgerung “man kann den Tumor aushungern” trotzdem nicht richtig ist: Ein Mensch ist keine Zellkultur. Wenn Sie Kohlenhydrate weglassen, produziert Ihr Körper die Glukose, die er braucht, einfach selbst — unter anderem aus dem Eiweiß Ihrer Muskulatur. Der Tumor bekommt also weiter Nachschub! Hinzu kommt, dass Tumorzellen ihren Stoffwechsel umstellen können: Wenn Glukose knapp wird, nutzen sie Fett und Aminosäuren. Der Einzige, der bei diesem Versuch tatsächlich hungert, ist Ihr Körper.
Für Sie heißt das: Gewichtsverlust und Muskelabbau verschlechtern nachweislich, wie gut Sie Ihre Therapie vertragen, wie gut Ihr Immunsystem und Ihre Wundheilung arbeiten können und wie es Ihnen dabei geht. Ein Aushungerungsversuch kann sich deshalb sogar negativ auf Ihre Prognose auswirken.
„Eine ketogene Ernährung wirkt gegen Krebs"
Welche Überlegung steckt dahinter? Bei einer ketogenen Ernährung wird die Kohlenhydratzufuhr extrem stark eingeschränkt und stattdessen sehr viel Fett gegessen. Neben Brot, Nudeln und Reis sind deshalb auch Obst und manche Gemüsesorten wie Karotten oder Zwiebeln nur in begrenzten Mengen möglich. Dahinter steckt die Idee, Krebszellen durch den Entzug von Zucker „auszuhungern“.
Was daran stimmt: In manchen Zell- und Tierversuchen lässt sich das Wachstum bestimmter Tumoren durch eine ketogene Ernährung beeinflussen.
Warum die Schlussfolgerung “eine ketogene Ernährung wirkt gegen Krebs” trotzdem nicht richtig ist: Wie bereits erklärt, lässt sich ein Tumor durch den Verzicht auf Kohlenhydrate nicht gezielt aushungern. Auch in Studien am Menschen konnte bisher kein Nutzen einer ketogenen Ernährung für den Verlauf einer Krebserkrankung gezeigt werden.
Dem stehen gut belegte Nachteile gegenüber: Diese Ernährungsform ist sehr einseitig, im Alltag schwer durchzuhalten und führt sehr häufig zu Gewichtsverlust und einer damit für Sie gefährlichen Mangelernährung, und das ist bei Krebs klar von Nachteil und kann sogar gefährlich sein. 20-30 % der während einer Krebserkrankung verstorbenen Patienten sind nicht am Tumor, sondern an den Folgen einer Mangelernährung verstorben. Die aktuellen Leitlinien raten deshalb ausdrücklich von einer ketogenen Ernährung ab.
Für Sie heißt das: Die Risiken einer ketogenen Ernährung überwiegen eindeutig. Für Sie ist jetzt ein stabiles Körpergewicht und eine gute Versorgung Ihres Körpers der Fokus und nicht eine einseitige Ernährungsweise.
„Zucker fördert Entzündungen und behindert die Heilung"
Was daran stimmt: Eine langfristig sehr zuckerreiche Ernährung kann mit chronischen, niedriggradigen Entzündungen zusammenhängen. Das sind schwache Entzündungsprozesse, die über Monate oder Jahre bestehen bleiben können. Solche dauerhaften Entzündungsprozesse können auch die Entstehung bestimmter Krebserkrankungen begünstigen.
Der Zusammenhang mit Zucker ist vor allem indirekt:
- Körperfett und Stoffwechsel: Zuckerreiche Lebensmittel und Getränke können dazu beitragen, dass wir langfristig mehr Energie aufnehmen, als wir verbrauchen. Dadurch kann Körperfett zunehmen. Besonders Bauchfettgewebe setzt entzündungsfördernde Botenstoffe frei. Diese können Stoffwechselstörungen begünstigen, die wiederum Entzündungsprozesse verstärken können.
- Verdrängung anderer Nährstoffe: Wer viele zuckerreiche, nährstoffarme Lebensmittel isst, nimmt möglicherweise weniger Ballaststoffe und Pflanzenstoffe auf, die sich günstig auf Entzündungsprozesse auswirken können.
Warum daraus nicht folgt, dass Zuckerverzicht die Heilungschancen bei Krebs verbessert: Die langfristigen Zusammenhänge zwischen Ernährung, Stoffwechsel und niedriggradigen Entzündungen sind real. Sie sind aber nicht gleichzusetzen mit den komplexen Entzündungs- und Immunprozessen während einer Krebserkrankung.
Diese Prozesse lassen sich durch den Verzicht auf Zucker nicht gezielt beeinflussen. Auch Immunzellen benötigen Glukose, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Und der Körper stellt Glukose selbst her, wenn wir keine Kohlenhydrate essen.
Für Sie heißt das: Sie müssen Zucker nicht meiden, um Entzündungen zu bekämpfen oder Ihre Heilungschancen zu verbessern. Gerade während einer Krebsbehandlung ist eine ausreichende Versorgung mit Energie und Nährstoffen wichtig, damit Ihr Immunsystem arbeiten und geschädigtes Gewebe repariert werden kann.
„Blutzuckerspitzen sollte man vermeiden"
Welche Überlegung steckt dahinter? Seit sich der Blutzucker mit kleinen Sensoren kontinuierlich messen lässt, ist das Vermeiden von Blutzuckerspitzen auch unter gesunden Menschen zum Trend geworden. Nach dem Essen steigt der Blutzuckerspiegel an – besonders nach schnell verfügbaren Kohlenhydraten. Daraufhin schüttet der Körper Insulin aus. Manche befürchten, dass diese Blutzucker- und Insulinspitzen ungesund sind und das Wachstum von Krebszellen fördern könnten.
Was daran stimmt: Insulin reguliert nicht nur den Blutzucker, sondern ist auch an Wachstumssignalen beteiligt, die grundsätzlich auch Krebszellen beeinflussen können. Gleichzeitig ist Insulin aber für viele wichtige Vorgänge im Körper notwendig, beispielsweise für die Energieversorgung und den Erhalt der Muskulatur.
Warum daraus nicht folgt, dass Sie Blutzuckerspitzen bei Krebs vermeiden müssen: Ein Anstieg von Blutzucker und Insulin nach dem Essen ist völlig normal. Bei einem gesunden Stoffwechsel reguliert der Körper die Werte anschließend wieder herunter.
Es gibt keine Hinweise darauf, dass möglichst flache Blutzuckerkurven den Verlauf einer Krebserkrankung verbessern. Was die Ratschläge dagegen zuverlässig bewirken: Sie machen das Essen kompliziert — Reihenfolge der Speisen, Essenszeiten, Kombinationen. Genau das ist das Letzte, was Sie während einer Therapie gebrauchen können.
Davon zu unterscheiden sind krankhaft erhöhte Blutzuckerwerte, wie sie beispielsweise bei schlecht eingestelltem Diabetes oder manchmal unter einer Behandlung mit Cortison auftreten. Diese können gesundheitliche Folgen haben und sollten deshalb ärztlich abgeklärt und bei Bedarf gezielt behandelt werden. Mehr dazu erfahren Sie weiter unten im Abschnitt „Sie haben Diabetes oder erhöhte Blutzuckerwerte unter Cortison“.
„Weißer Zucker ist schlechter als Honig oder Kokosblütenzucker"
Was daran stimmt: Honig, brauner Zucker, Ahornsirup und Kokosblütenzucker enthalten tatsächlich Spuren von Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen, die raffinierter Zucker nicht hat.
Warum die Schlussfolgerung “weißer Zucker ist schlechter als Honig oder Kokosblütenzucker” trotzdem nicht richtig ist: Die enthaltenen Mengen dieser Stoffe sind so gering, dass sie für die Nährstoffversorgung in der Praxis keine Rolle spielen. Dafür gibt es wesentlich bessere Quellen, z.B. Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Nüsse.
Auch für den Körper macht es in der Praxis kaum einen Unterschied, womit Sie süßen. Alle diese Zuckerarten liefern letztlich Energie aus Glukose und Fruktose – in unterschiedlichen Anteilen und Verbindungen: Bei Haushaltszucker sind beispielsweise jeweils ein Glukose- und ein Fruktosebaustein miteinander verbunden. Honig enthält vor allem gelöste Glukose und Fruktose in ähnlichen Mengen, während bei Agavendicksaft der Fruktoseanteil besonders hoch ist. Daraus lässt sich aber kein allgemeiner gesundheitlicher Vorteil einer bestimmten Alternative ableiten.
Dass ein Süßungsmittel als „natürlich“ beworben wird, macht es auch nicht automatisch gesünder. Auch weißer Haushaltszucker wird aus Pflanzen gewonnen – aus Zuckerrüben oder Zuckerrohr.
Für Sie heißt das: Wählen Sie, was Ihnen schmeckt und was Sie im Haus haben. Sie müssen weißen Zucker nicht aus gesundheitlichen Gründen durch teurere Alternativen ersetzen.
„Obst ist wegen des Fruchtzuckers problematisch"
Was daran stimmt: Fruchtzucker wird anders verstoffwechselt als Traubenzucker, nämlich hauptsächlich in der Leber. Sehr große Mengen, wie sie vor allem über den übermäßigen Genuss gesüßter Getränke zustande kommen können, können unter anderem die Entstehung einer Fettleber begünstigen. In Studien wurden ungünstige Stoffwechseleffekte insbesondere bei sehr hohen Mengen von über 100 g Fruchtzucker täglich beobachtet.
Warum die Schlussfolgerung “Obst ist wegen des Fruchtzuckers problematisch” trotzdem nicht richtig ist: Ein Apfel ist kein Softdrink. Die Fruchtzuckermenge in Obst ist moderat, und sie kommt zusammen mit Ballaststoffen, Vitaminen, Mineralstoffen und Wasser. Obst gehört deshalb zu den Lebensmitteln, die in allen Empfehlungen ausdrücklich befürwortet werden. Zum Vergleich: Ein Glas Cola (250 ml) enthält etwa 13 g Fruchtzucker, ein mittelgroßer Apfel etwa 9 g und eine Banane etwa 3–4 g. Mit ganzem Obst ist es sehr schwer, exzessive Mengen zu erreichen.
Für Sie heißt das: Essen Sie Obst, wann immer es Ihnen bekommt. Wenn frisches Obst Ihnen gerade zu sauer oder zu hart ist, gehen auch Kompott, Mus oder ein Smoothie.
„Zucker macht abhängig, deshalb muss man ganz verzichten"
Was daran stimmt: Süßes spricht das Belohnungssystem im Gehirn an. Der Wunsch nach etwas Süßem kann sich sehr drängend anfühlen, und das bilden Sie sich nicht ein. Dazu gibt es Tierversuche, auf die sich diese Behauptung immer wieder beruft: Ratten, die Zuckerlösung bekamen, zeigten Heißhungeranfälle und beim Entzug Zeichen von Unruhe.
Warum die Schlussfolgerung “Zucker macht abhängig” trotzdem nicht richtig ist: Bei diesen Versuchen wird ein Detail fast nie mitzitiert: Das Verhalten trat nur auf, wenn die Tiere nach zwölf Stunden ohne Futter plötzlich unbegrenzt Zucker bekamen. Ratten, denen Zucker durchgehend zur Verfügung stand, entwickelten es nicht. Nicht der Zucker erzeugte also das suchtartige Verhalten, sondern der ständige Wechsel zwischen Entzug und Verfügbarkeit.
Eine Abhängigkeit im medizinischen Sinn, mit Toleranzentwicklung und Entzugserscheinungen, ist beim Menschen für Zucker nie festgestellt worden.
Und während einer Erkrankung hat der Wunsch nach Süßem oft einen sehr praktischen Grund: Ihr Körper braucht Energie und meldet das. Vollständiger Verzicht bewirkt außerdem meist das Gegenteil: je strenger das Verbot, desto stärker kreisen die Gedanken darum.
Für Sie heißt das: Wenn Ihnen gerade nach Süßem ist, dürfen Sie dem nachgeben. Gerade in einer Zeit, in der vieles nicht schmeckt, ist das ein Signal, dem Sie folgen können.
Sollten Sie ungewollt Gewicht zunehmen, nehmen Sie den Heißhunger als Signal Ihres Körpers wahr und prüfen Sie, ob Ihr Körper über den Tag verteilt ausreichend mit Energie und Kohlenhydraten versorgt ist. Heißhunger kann ansonsten auch eine Nebenwirkung bestimmter Medikamente sein. Sprechen Sie deshalb auch Ihr Behandlungsteam an.
„Chemotherapeutika werden in Glukoselösung gegeben — wenn ich keinen Zucker esse, nehmen die Krebszellen das Medikament besser auf"
Was daran stimmt: Infusionen werden tatsächlich in einer Trägerlösung gegeben, und das ist je nach Medikament entweder Kochsalz- oder Glukoselösung. Welche verwendet wird, entscheidet sich danach, in welcher Lösung der Wirkstoff chemisch stabil bleibt.
Warum die Schlussfolgerung trotzdem nicht richtig ist: Krebszellen nehmen Zucker und Medikament nicht gemeinsam auf. Es sind zwei völlig getrennte Wege in die Zelle — für Glukose gibt es eigene Transporter, Chemotherapeutika gelangen auf anderem Weg hinein. Das Medikament reist nicht auf dem Zucker mit, es schwimmt nur in derselben Flüssigkeit.
Hinzu kommt: Ihr Blutzucker bleibt ohnehin weitgehend konstant, ob Sie nun fasten oder nicht. Sie könnten die Tumorzellen also selbst dann nicht „hungrig“ machen, wenn es etwas nützen würde.
Für Sie heißt das: Sie müssen vor oder während einer Infusion nicht auf Zucker verzichten. Essen Sie, was Ihnen bekommt. Wenn Ihnen an Therapietagen ohnehin übel ist, ist das Grund genug, auf leichte Kost zu achten — mit der Wirkung des Medikaments hat es nichts zu tun.
„Die Insulin-Potenzierungs-Therapie wirkt besser als eine normale Chemotherapie"
Welche Überlegung steckt dahinter? Bei der sogenannten Insulin-Potenzierungs-Therapie (IPT) wird zunächst Insulin gespritzt, um den Blutzucker stark abzusenken. Anschließend wird eine Chemotherapie mit nur etwa 10 bis 20 % der üblichen Dosis verabreicht. Die Behauptung dahinter: Insulin öffne die Krebszellen für die Medikamente. Dadurch genüge eine viel kleinere Dosis, die weniger Nebenwirkungen verursache und deshalb auch weniger Chemo-Pausen erfordere.
Was daran stimmt: Insulin fördert die Aufnahme von Glukose besonders in Muskel- und Fettzellen. Manche Krebszellen besitzen auch besonders viele Insulinrezeptoren.
Warum die Schlussfolgerung trotzdem nicht richtig ist: Insulin ist aber kein Transportmittel für Chemotherapeutika. Diese gelangen auf ganz anderen Wegen in die Zellen. Schon die zugrunde liegende Überlegung ist deshalb biologisch wenig plausibel.
Und selbst wenn Insulin die Aufnahme von Chemotherapeutika in Krebszellen verbessern würde, wäre damit noch nicht bewiesen, dass eine stark reduzierte Dosis genauso wirksam ist wie eine reguläre Chemotherapie. Obwohl die Methode seit Jahrzehnten im Umlauf ist, gibt es keine Studien die zeigen, dass die Methode etwas bringt.
Die Risiken sind dagegen erheblich: Durch die stark verringerte Chemotherapiedosis besteht die Gefahr, dass der Tumor nicht ausreichend behandelt wird. Weniger Nebenwirkungen fühlen sich nach einer schonenderen Behandlung an. Sie können aber schlicht bedeuten, dass die verabreichte Wirkstoffmenge zu gering ist, um einen Effekt zu erzielen, und dass eine Erkrankung unterbehandelt bleibt, die mit der regulären Dosis gut behandelbar gewesen wäre. Hinzu kommt das Risiko der bewusst herbeigeführten Unterzuckerung, die beispielsweise zu Bewusstlosigkeit oder Krampfanfällen führen kann.
Die Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie (PRIO) der Deutschen Krebsgesellschaft rät deshalb in ihrer Stellungnahme vom April 2026 dringend von dieser Methode ab.
Für Sie heißt das: Wenn Ihnen eine Insulin-Potenzierungs-Therapie angeboten wird, lassen Sie lieber die Finger davon. Ersetzen oder reduzieren Sie eine empfohlene Krebstherapie nicht zugunsten dieser Methode.
Wann es sich lohnt, genauer hinzuschauen
Sie haben Diabetes oder erhöhte Blutzuckerwerte unter Cortison
Nach dem Essen steigt der Blutzuckerspiegel normalerweise an und sinkt anschließend wieder. Das ist ein ganz normaler Vorgang. Problematisch wird es, wenn der Blutzucker zu stark ansteigt oder langfristig erhöht bleibt, weil der Körper ihn nicht mehr ausreichend regulieren kann. Es geht also nicht um die normalen Blutzuckerspitzen nach einer Mahlzeit.
Wenn Sie Diabetes haben, können sich Ihre Blutzuckerwerte während einer Krebsbehandlung verändern. Aber auch ohne bestehenden Diabetes können erhöhte Blutzuckerwerte auftreten, beispielsweise durch Medikamente wie Cortison, durch Infektionen oder durch die körperliche Belastung der Erkrankung.
Krankhaft erhöhte Blutzuckerwerte sollten behandelt werden. Denn sie können unter anderem die Immunabwehr beeinträchtigen, das Infektionsrisiko erhöhen und die Wundheilung erschweren.
Versuchen Sie aber bitte nicht, erhöhte Blutzuckerwerte auf eigene Faust durch den Verzicht auf Zucker oder Kohlenhydrate zu senken. Lassen Sie sich stattdessen von Ihrem Behandlungsteam und möglichst einer qualifizierten Ernährungsfachkraft unterstützen. Gemeinsam lässt sich eine Lösung finden, die sowohl Ihre Blutzuckerwerte als auch Ihre Nährstoffversorgung berücksichtigt.
Denn gerade während einer Krebsbehandlung ist es wichtig, ausreichend Energie und Eiweiß aufzunehmen. Eine Mangelernährung kann schon innerhalb weniger Wochen schwerwiegende Folgen haben. Sie kann beispielsweise dazu führen, dass die Behandlung schlechter vertragen wird oder unterbrochen werden muss.
Wie lassen sich erhöhte Blutzuckerwerte behandeln, ohne die Ernährung unnötig einzuschränken?
Medikamentöse Behandlung: Je nach Ursache und Höhe der Blutzuckerwerte können Medikamente notwendig sein, beispielsweise Insulin. Besonders wenn die Werte durch Cortison stark ansteigen, kann eine solche Behandlung wichtig sein. Sie ermöglicht es, den Blutzucker gezielt zu regulieren, ohne dafür die Ernährung stark einschränken zu müssen.
Ernährung unterstützend anpassen: Auch die Zusammenstellung der Mahlzeiten kann helfen, den Blutzucker besser zu regulieren. Beispielsweise kann es sinnvoll sein, kohlenhydrathaltige Lebensmittel mit eiweiß- oder fetthaltigen Lebensmitteln zu kombinieren. Dadurch steigt der Blutzucker nach dem Essen häufig langsamer an. Welche Anpassungen hilfreich sind, hängt von Ihrer individuellen Situation ab.
Dabei hat eine ausreichende Versorgung Vorrang vor Einschränkungen: Wenn Sie wenig Appetit haben, ungewollt Gewicht verlieren oder ohnehin Schwierigkeiten haben, genug zu essen, sollten Sie nicht zusätzlich Lebensmittel streichen, auf die Sie angewiesen sind, um ausreichend Energie und Nährstoffe aufzunehmen. Ihr Behandlungsteam und möglichst eine qualifizierte Ernährungsfachkraft können Ihnen helfen, beides miteinander zu vereinbaren.
Für Sie heißt das: Auch mit Diabetes oder erhöhten Blutzuckerwerten müssen Sie nicht auf Kohlenhydrate verzichten. Entscheidend ist, dass Ihre Blutzuckerwerte angemessen behandelt werden und Ihr Körper gleichzeitig ausreichend Energie und Nährstoffe erhält.
